Cultural belongings aus Kamerun im Ethnologischen Museum

Shownotes

Cultural belongings aus Kamerun im Ethnologischen Museum

Wer Ethnologisches Museum hört, denkt häufig an Raubkunst, Kolonialismus, Afrika. Zeit, dass wir dem Komplex eine Folge widmen. Im Gespräch mit Debangoua Legrand Tchatchouang, Mitglied der kamerunischen Kommission für die Rückgabe von illegal exportierten Kulturgütern und Berater des Ethnologischen Museums Berlin, und den Kuratorinnen Verena Rodatus und Maria Ellendorff erfahrt Ihr, wie das Museum und die Kommission gemeinsam an der Vorbereitung von Rückgaben arbeiten. Wer spricht mit wem? Welche cultural belongings gehen wahrscheinlich als erstes zurück nach Kamerun?

Gesprächspartner:

Prinz De Bangoua Legrand Tchatchouang wurde 1980 in Kamerun geboren und interessierte sich schon früh für die Geschichte seines Heimatlandes. Aufgewachsen als einer von vielen Söhnen eines Königs, lebt er heute mit in Berlin

Dr. Verena Rodatus ist verantwortliche Kuratorin für die Sammlungen West- und Südliches Afrika am Ethnologischen Museum Berlin. Von 2015 bis 2021 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Kunst Afrikas an der Freien Universität Berlin. Als Kuratorin ist sie maßgeblich an der Restitution der während der Zeit des deutschen Kolonialismus illegal ausgeführten Kulturgüter aus Kamerun beteiligt.

Maria-Antonie Ellendorff ist stellvertretende Kuratorin für die Sammlungen West- und Südliches Afrika am Ethnologischen Museum Berlin. Seit 2024 verantwortet sie insbesondere die Koordination des Bereichs Kamerun und fördert den Austausch zwischen Künstlerinnen, Forscherinnen und anderen Akteur*innen.

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Katharina Erben: Gegen die Gewohnheit.

Anna Schäfers: Der Podcast zu neuen Formen der Zusammenarbeit im Ethnologischen Museum und im Museum für Asiatische Kunst Berlin.

Verena Rodatus: Was hat Deutschland mit Kamerun im Kontext der deutschen Kolonialzeit zu tun? Und was hat das alles auch mit den sogenannten Sammlungen im Museum zu tun?

De Bangoua Legrand Tchatchouang: Wir leben im Modernismus, aber wir haben großen Respekt für unsere Tradition und Kultur.

Anna Schäfers: Ich bin Anna Schäfers, Kuratorin für Text und Sprache beim Projekt „Das Kollaborative Museum“.

Katharina Erben: Und ich bin Katharina Erben, freiberufliche Kulturredakteurin.

Anna Schäfers: Viele Menschen, die Ethnologisches Museum und Humboldt Forum hören, denken erst einmal an Kolonialismus, Afrika, Raubkunst. Es wird Zeit, dass wir darüber sprechen. Heute soll es also endlich um Sammlungen aus dem großen Kontinent Afrika gehen – denkt daran, Afrika hat 54 unterschiedliche Länder. Konkret geht es daher heute um ein Land: Kamerun.

Katharina Erben: Während der deutschen Kolonialzeit sind dort Zehntausende Cultural Belongings geraubt, getauscht, gekauft worden. Darunter auch, als kleiner Ausblick, die Ngonnso’. Wir haben uns für diese Folge dazu mit drei Menschen unterhalten.

Anna Schäfers: Da ist zunächst einmal Verena Rodatus, Kuratorin für Sammlungen aus Westafrika und Südafrika am Ethnologischen Museum. Sie berät bei Restitutionsprozessen für Kulturgüter aus Kamerun wissenschaftlich und erklärt uns ein paar Basics zu Kamerun.

Verena Rodatus: Kamerun war eine deutsche Kolonie von 1884 bis 1919, bevor es dann über den Versailler Vertrag sozusagen in den Völkerbund wieder überführt wurde und britisch, französisch wurde, also in zwei Teile geteilt wurde. Und die Geschichte Deutschlands und Kameruns ist eine sehr eng verflochtene. Es gab von Deutschland aus, ich fange damit mal an, sehr viele Militäraktionen auch im Kontext der Kolonialzeit, oftmals sehr brutal. Gleichzeitig gab es aber auch, ich sage mal, man sollte nicht die Agency, also in Deutsch, die Handlungsmacht der damaligen Kameruner*innen vernachlässigen, die zum Beispiel auch Allianzen mit den Deutschen geschmiedet haben. Dabei würde ich aber auch gerne betonen, dass diese Allianzen natürlich immer unter sehr ungleichen Machtverhältnissen stattgefunden haben.

Katharina Erben: Während der Kolonialzeit ist eine unklare Zahl von Cultural Belongings nach Deutschland gekommen. Es sind um die 40.000. Viele von ihnen sind heute in den Sammlungen des Ethnologischen Museums. Dazu unser zweiter Gast, Maria Ellendorff, stellvertretende Kuratorin für den Bereich Westafrika und Südliches Afrika.

Maria Ellendorff: Die Frage nach der Anzahl der Cultural Belongings ist so einfach nicht zu beantworten. Wir arbeiten im Museum mit Datenbanken, und in der Datenbank haben wir aktuell 5.400, ungefähr, Einträge, die mit „Kamerun“ verschlagwortet sind. Davon ist der allergrößte Teil, nämlich mindestens 4.000, in der deutschen Kolonialzeit zwischen 1884 und 1919 ans Museum gekommen. Einige wenige Cultural Belongings sind aus der Zeit vor dem deutschen Kolonialismus und einige sind nach dem deutschen Kolonialismus oder dann auch nach dem französischen oder englischen Kolonialismus in Kamerun. Die Berliner Sammlung hat eine Besonderheit im Vergleich zu anderen Sammlungen in Deutschland, und das ist die Aufteilung der Sammlung nach dem Zweiten Weltkrieg. Während des Zweiten Weltkriegs sind die Sammlungen aufgeteilt worden auf verschiedene Standorte, um sie zu schützen. Als Deutschland dann geteilt wurde, war ein Teil der Sammlungen in der dann-DDR und ein Teil in der dann-BRD. Und diese Sammlungen sind erst nach der deutschen Wiedervereinigung, also in den frühen 90er Jahren, wieder zusammengekommen. Und das war ein unheimlicher Aufwand, erst mal diese ganzen Cultural Belonging wieder aufzunehmen in Berlin und sie dann aber auch zu verstandorten. Und das ist eine Aufgabe, an der wir immer noch dran sind. Das heißt, wir sind kontinuierlich dabei, Objekte in unserer Datenbank zu erfassen und deswegen kann sich auch diese Zahl noch ändern.

Anna Schäfers: Die Cultural Belongings werden also kontinuierlich erfasst und erforscht. Von einigen lässt sich dabei recht eindeutig sagen, dass Sammler, Militärs, Händler, Kolonisatoren sie sich vor Ort in Kamerun unrechtmäßig angeeignet haben. Darum gibt es heute Bestrebungen, Belongings an den Staat Kamerun zurückzugeben. Solche Rückgaben oder Restitutionen wünschen sich viele Menschen in Kamerun und Deutschland schon seit langem.

Verena Rodatus: Also Restitution, und ich glaube, das wollen die Besucher*innen des Museums auch immer gerne wissen: Wie läuft so was eigentlich ab? Wir sagen ja immer, es gibt eigentlich nicht die „eine“ Restitution. Es gibt eigentlich immer Einzelfälle. Gleichwohl gibt es Prinzipien. Für den Kontext Afrika, anders als beispielsweise für Australien, sind wir daran gebunden, auf staatlicher Ebene zu agieren – die jeweiligen politischen Akteure sprechen auf nationaler Ebene erst mal über Restitution. Und dann gibt es sozusagen, wie im Falle von Kamerun, Gremien, die die Kommunikation mit verschiedenen Communities auch ermöglichen. Das heißt, anders als beispielsweise im australischen Kontext, wo Museen direkt mit Communities kommunizieren dürfen, sich austauschen können, versucht man eben im Falle des afrikanischen Kontinents auf nationaler Ebene Gremien oder Kommissionen einzusetzen, die sozusagen diese verschiedenen Ebenen koordinieren.

Anna Schäfers: In Kamerun hat die Regierung 2023 eine solche Kommission eingesetzt. Unser dritter Studiogast ist Prinz De Bangoua Legrand Tchatchouang, Mitglied des Königshauses Bangoua. Als Leiter des Kamerun-Hauses in Berlin vertritt er in dieser Kommission die kamerunische Diaspora.

De Bangoua Legrand Tchatchouang: Ich berate gerne das Ethnologische Museum über die verschiedenen Kulturen in Kamerun und die Mentalität, wie man mit der Regierung auch zusammenarbeitet. Und von der kamerunischen Seite auch, sie sind sehr zufrieden. Weil ich bin wie eine Brücke zwischen Kamerun und den deutschen Museen. Auch mit den verschiedenen Königshäusern: Wir haben verschiedene Kulturen in Kamerun. Wir kommen alle an, aber jede Volksgruppe hat ihre eigene Kultur und Tradition. Und wir sind ein bisschen sehr komplex, wie man mit einem König umgeht. Das ist immer sehr kompliziert für die europäische Seite. Wir leben im Modernismus, aber wir haben großen Respekt für unsere Tradition und Kultur.

Katharina Erben: Die Kommission der kamerunischen Regierung, der Legrand angehört und die in Restitutionsfragen mit den deutschen Museen verhandelt und vermittelt, hat einen etwas komplizierten französischen Namen.

Anna Schäfers: Da gibt es für Kamerun das Comité interministériel chargé du rapatriement des biens culturels illégalement exportés à l’étranger au Ministère fédéral des Affaires étrangères. Das ist ein langer Name. Legrand, können Sie uns etwas dazu sagen, was das für ein Komitee ist? Wer arbeitet da mit? Was passiert da? Was sind Herausforderungen?

De Bangoua Legrand Tchatchouang: Verena hat jetzt gerade gesagt, man hat zum Beispiel die Idee von Australien dazu in Deutschland, man spricht direkt mit der Community und in Kamerun ist es etwas anders. In Kamerun, wir haben über 320 Communities und sie möchten gerne ihre Sammlung zurückhaben. Wenn Sie in verschiedene Museen gehen: Die haben von verschiedenen Orten in Kamerun ihre Sammlungen und verschiedene Chefferies. Alors: Wenn die ganzen Chefs und die Königshäuser nach Deutschland kommen und ihre Sammlung haben möchten, wird es sehr kompliziert für die deutsche oder auch die kamerunische Seite. Da kommt jeden Monat ein König und will seine Sammlung zurück haben. Deswegen: Die Kamerun-Regierung hat diese Kommission gegründet, aber Sie haben gerade gesagt: Comité interministériel chargé du rapatriement des biens culturels. Dieses Organ ist zuständig für jede Frage für die Rückgabe. Und natürlich jede Region hat mit nominiert, Vertreter von Zivilgesellschaft und Völkerbund von dieser Kommission nicht nur in Deutschland, in Europa.

Katharina Erben: Damit also nicht alle 320 Communities in Kamerun ihre Oberhäupter nach Deutschland schicken müssen, um in den vielen verschiedenen Museumssammlungen nach ihren Cultural Belongings zu suchen, hat die Kommission Aufgaben und Kommunikation gebündelt. Sie befasst sich dabei mit Restitutionen im gesamten europäischen Raum.

Anna Schäfers: Zu der Kommission gehören Vertreter*innen der Regierung, der Zivilgesellschaft und der verschiedenen Communities in Kamerun, wie Legrand erklärt. Auch für die deutsche Seite ist es einfacher, mit der Kommission einen Ansprechpartner zu haben.

De Bangoua Legrand Tchatchouang: Diese Kommission war in Deutschland schon zweimal, 2024 und 23 im Oktober und verschiedene Museumsbesuche, war im Ethnologischen Museum im Humboldt Forum und verschiedenen Museen auch in Deutschland, wir haben Direktkontakt mit Direktoren und Direktorinnen. Wir haben über unsere Perspektive gesprochen: Was bedeutet diese Sammlung für uns? Wie können wir auch in Zukunft zusammenarbeiten, ob eine Rückgabe möglich ist oder nicht.

Anna Schäfers: Die Kommission befasst sich aktuell zum Beispiel mit der schon zu Anfang erwähnten Ngonnso’, einer Figur aus der präkolonialen Zeit. Curt von Pavel, ein Kommandeur der sogenannten kolonialen Schutztruppe in Kamerun eignete sie sich 1902 unter nicht dokumentierten Umständen an und schenkte sie 1904 dem damaligen Museum für Völkerkunde, dem heutigen Ethnologischen Museum.

De Bangoua Legrand Tchatchouang: Die Menschen in Deutschland sind schon offen für diese Thema, das war eine große Überraschung für die kamerunische Regierung, wir müssen ehrlich sagen. Zum Beispiel im Ethnologischen Museum war schon alles bereit für Ngonnso’, die zurückgeben werden soll. Das war schon für uns, für die kamerunische Regierung, eine sehr positive Situation.

Anna Schäfers: Zu dieser Figur noch einmal Maria.

Maria Ellendorff: Ngonnso’ ist eine historische Figur gewesen, und zwar die Gründungsfigur für die Nso’, also eine Gruppe in Kamerun. Und von dieser historischen Figur haben wir eine Figur im Museum, die nämlich von Curt von Pavel angeeignet wurde, im Rahmen einer sogenannten Expedition in diese Region in Kamerun. Und deswegen ist gerade die Ngonnso’ auch so wichtig, weil sie eben diese Figur, diese historische Ahnin repräsentiert. Sie ist 50 Zentimeter hoch, 70 Zentimeter hoch vielleicht, irgendwie so was, und ist eine weibliche Figur, die auf dem Schoss eine Schale trägt, in so einer hockenden Position, und trägt auf dem Schoss eine Schale und ist komplett mit Kauri-Schneckenhäusern überzogen und das Gesicht ist mit Stanniol überzogen.

Katharina Erben: Diese Figur wird schon seit längerer Zeit zurückgefordert. Dennoch befindet sich Ngonnso’ immer noch im Ethnologischen Museum. Einige Gründe dafür gibt uns Verena.

Verena Rodatus: Zum einen könnte man grundsätzlich noch mal sagen, das haben wir nämlich bisher noch nicht klargestellt, dass es für Restitutionen keine Gesetzeslage in Deutschland gibt. Was sozusagen bedeutet, dass das alles Einzelfallentscheidungen sind. Und auch für diese Einzelfallentscheidungen gibt es kein standardisiertes Verfahren. Bei Ngonnso’ war es so, dass Sylvie Njobati, eine kamerunische Aktivistin, also auch ein Mitglied der Nso’-Community, hier sehr viel dafür getan hat, dass überhaupt der Fall Ngonnso’ aufgenommen wurde. Sie hat dann, bevor die Kommission entstanden ist, auch direkt beim Museum angefragt, und wir haben relativ schnell vereinbart, einen Workshop zu machen, einen Online-Workshop. Ich erzähl das deshalb so ausführlich, weil ich glaube, nur so kann man auch verstehen, warum Ngonnso’ so lange noch hier ist. Das hat sehr, sehr gut und sehr schnell funktioniert. Wir konnten mit den beiden Gruppen, die irgendwie auch eine Gruppe durch diesen Workshop ein bisschen geworden ist – weil wir uns von beiden Seiten sozusagen auch für die Restitution eingesetzt haben – konnten wir sehr schnell Argumente erarbeiten. Zum einen das Argument, dass es eben eine gewaltsame Aneignung war. Curt von Pavel war Anfang des 20. Jahrhunderts in der Region um Kumbo, also der Nso’-Region. Man kann das relativ gut nachvollziehen. Darüber hinaus haben unsere Provenienzforscher*innen auch klargestellt, dass es sich um natürlich einen stark asymmetrischen kolonialen Kontext, also einen stark asymmetrischen Machtkontext, handelt. Das haben sie sehr gut herausgearbeitet. So wurde dem Stiftungsrat der SPK, also der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, sehr schnell klar, dass es hier Belege gibt. Darüber hinaus haben auch die Vertreter*innen der Nso’-Community sehr, sehr schön herausgearbeitet, welche kulturelle Bedeutung Ngonnso’ hat in Kamerun. Und so war eigentlich der Entschluss relativ schnell da, vom Stiftungsrat, dass Ngonnso’ zur Restitution freigegeben ist. Jetzt ist sie dennoch weiterhin schon, glaub ich, seit zwei Jahren da und ich kann mir zum einen vorstellen, dass es damit zu tun hat, dass die kamerunische Regierung bzw. die Vertreter*innen der Kommission auch noch eine Zeit brauchen, um sich sozusagen in der Komplexität in Kamerun zu organisieren. Und zum anderen, was ich als Beleg habe, ist, dass es bisher keine Verbalnote gibt. Das ist sozusagen die justiziarische Kommunikation zwischen Staaten, die eben offiziell sagt: Wir möchten dieses Kulturgut zurückhaben. Die liegt noch nicht vor.

Anna Schäfers: Dass die Verbalnote noch nicht vorliegt, hat innenpolitische Gründe in Kamerun. Eine Aufgabe der Kommission ist es auch, die Interessen aller rückfordernden Königshäuser und Gruppen gleichberechtigt zu berücksichtigen. Denn das Verhältnis der einzelnen Provinzen ist angespannt.

Katharina Erben: Aktuell gibt es im Norden Kameruns einen Bürgerkrieg, der sich auf die Kolonialzeit zurückführen lässt. Die Grenze zwischen englischsprachigen und französischsprachigen Regionen stammt aus der Zeit von französischer und britischer Besetzung. Die englischsprachige Region im Norden – dort leben die Nso’, die die Ngonnso’ zurückfordern – möchte sich vom restlichen Kamerun trennen, das französischsprachig ist. Legrand erklärt, dass die Rückgaben für Kamerun auch eine gemeinschaftsstiftende Wirkung haben.

De Bangoua Legrand Tchatchouang: Man sagt bei uns, Kultur bringt die Community zusammen. Wenn eine Rückgabe stattfindet, nur mit einer Community, zwei – für Kamerun ist das problematisch. Deswegen möchte die Regierung gerne eine Rückgabe mit verschiedenen Sammlungen und verschiedenen Regionen von Kamerun. Und wir haben schon eine Strategie für eine Zusammenarbeit, und in dieser Strategie Ngonnso’ ist auch eine Priorität für die kamerunische Regierung. Und ich denke, dieses Jahr kommt schon eine offizielle Verbalnote von kamerunischer Seite. Nicht nur Ngonnso’, sondern auch andere Sammlungen von Kamerun.

Katharina Erben: Das Ziel der Kooperation, so erklärt uns Maria, ist allerdings nicht nur Restitution, sondern auch gemeinsame Forschung.

Maria Ellendorff: Ich glaube, das ist ein wichtiger Punkt, dass es bei der Kommunikation und der Zusammenarbeit mit der Kommission nicht nur um Rückgaben geht, sondern auch um Forschung, zum Beispiel Provenienzforschung. Das hat natürlich alles mit Rückgaben zu tun, da sind wir gebunden; wir können nichts zurückgeben, ohne dass es eine Provenienzforschung dazu gegeben hat. Aber wir kollaborieren sozusagen nicht nur hinsichtlich der Rückgaben, sondern auch hinsichtlich der Forschung und um Wissen am Museum zu diversifizieren.

Anna Schäfers: Dass sich Wissen am Museum verändert und die Cultural Belongings auf neue Arten dargestellt werden, nennt auch Verena als wichtiges Ziel der Kooperation.

Verena Rodatus: Ja, ich glaube, der Zusammenhang Kooperation Restitution ergibt sich auch daraus, dass Restitution, so würde ich es formulieren, ein sicherlich ganz, ganz wichtiger Schritt ist zur Wiedergutmachung auch kolonialen Unrechts, dass meiner Meinung nach Restitution aber in eine breitere Dekolonisierung von Museen und bestenfalls auch größeren Kontexten gesehen werden muss. Das bedeutet, die reine Rückgabe ist ein wichtiger Schritt und gleicht sozusagen auch vielleicht ein Stück weit koloniales Unrecht aus – also wir sprechen jetzt gar nicht noch weiterführend über Reparation, die eigentlich viel zu wenig angesprochen wird, also Reparationszahlungen oder Reparationsgesten auch, die noch mehr sind als Restitution – aber eben auch auf der Ebene der Repräsentation. Diese Frage beispielsweise nach Ausstellungen, Ausstellungen kamerunischer Kulturgüter in Deutschland beispielsweise, wenn die Partner*innen das wollen, dann geht es ja auch darum zu fragen: Wie wollt ihr denn, dass eure Kulturgüter hier ausgestellt werden? Weil die Geschichte des Museums oder die koloniale Geschichte des Museums eben auch nicht nur sehr viel mit physischer Gewalt zu tun hat, sondern eben auch mit sogenannter epistemische Gewalt, also einer Gewalt des Wissens sozusagen oder von Wissenssystemen, aus denen sich eben auch Rassismus ergab.

Katharina Erben: Noch kurz eine Nachfrage zu dieser epistemischen Gewalt. Was ist damit gemeint?

Verena Rodatus: Beispielsweise die Idee des Ethnologischen Museums, so wie Adolf Bastian sie auch hatte, war ja das umfassende Sammeln der sogenannten Weltkulturen. Also das war ja eine utopische Idee, dass es eine umfassende Sammlung gäbe. Und das sieht man ja schon: Also, Legrand oder die Partner*innen könnten wahrscheinlich ganz viel auf ihren vernakulären Sprachen uns erzählen, wie diese Cultural Belongings einst hießen, wie die verwendet wurden, in welche Kontexte die eingebunden waren. Mit dieser Musealisierung oder überhaupt erst mal diesem oftmals gewaltsamen Herausnehmen aus der Kultur passierte ja schon das erste, dass sie nicht mehr den Kontext hatten, nicht mehr so benutzt wurden. Dann haben sie noch andere Namen bekommen, und oftmals haben sie auch sehr pejorative Namen bekommen, wie beispielsweise „Zauberfigur“, „Fetischfigur“, all sowas, das wird eben sozusagen dieser Entität, wie wir auch oft sagen, überhaupt nicht gerecht, weil das ist dann nur noch ein Stück. Deswegen ist ja auch diese Problematik, mit der wir versuchen, im Museum heutzutage auch umzugehen, dass diese Cultural Belongings eben nicht mehr „Objekte“ genannt werden. Es sind Dinge, die, soweit ich das verstehe, in den Herkunftsgesellschaften als relationale Dinge verstanden werden. Die werden sozusagen als Akteure verstanden, genauso wie wir Menschen sind die Dinge Akteure, die wirklich als Subjekte kommunizieren, mit den Gemeinschaften, mit den Menschen und die auch Menschen wiederum verbinden. Und das sieht man ja heutzutage: Heute verbinden Sie uns ja erst mal über die Frage der Restitution. Aber wenn sie wieder zurückkommen, verbinden sie die Menschen dann wieder neu. Und das ist auch vielleicht eine sehr spannende Frage, was dann passieren wird.

Anna Schäfers: Was viele Leute in Deutschland interessiert: Was passiert mit den Cultural Belongings, wenn sie an den Ort ihres Ursprungs zurückgegeben werden? Legrand macht, auch stellvertretend für die Gesellschaft in Kamerun, klar: Das ist eine Kamerun-interne Frage.

De Bangoua Legrand Tchatchouang: Das ist unser internes Gespräch zwischen der kamerunischen Regierung und Königshaus Nso’. Und Kamerun war ganz klar auch in Deutschland: Was passiert danach, ist ein Gespräch zwischen Regierung. Und man sagt in Französisch: Un débat, un dialogue camerounais. Das ist unser internes Gespräch. Und Deutschland kann nicht sagen: Wie können wir auch mit so einem Kunstwerk umgehen, über die Zukunft für diese Sammlung sprechen, in Kamerun?

Anna Schäfers: Die Kolleg*innen im Ethnologischen Museum arbeiten gerade an einer Website. Mit der soll man schnell und aktuell Informationen zu Restitutionsprozessen und aktuellen Projekten in Kooperation mit der kamerunischen Regierung, Forscher*innen und Künstler*innen finden.

Katharina Erben: Und Ngonnso’ kann hoffentlich bald nach Hause.

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Katharina Erben: Das war „Gegen die Gewohnheit. Der Podcast zu neuen Formen der Zusammenarbeit im Ethnologischen Museum und im Museum für Asiatische Kunst.“ Produziert von speak low im Auftrag der Staatlichen Museen zu Berlin.

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