Langzeitkooperation mit der Dorfgemeinschaft Macucu in Kolumbien

Shownotes

Langzeitkooperation mit der Dorfgemeinschaft Macucu in Kolumbien

Im Kollaborativen Museum geht es sehr viel um Kooperationen mit internationalen Partner*innen. Wenn die Beteiligten länger und vertrauensvoll miteinander arbeiten, dann wachsen die Inhalte über projektförmige, punktuelle Maßnahmen hinaus und es entsteht ein gemeinsamer Prozess, in dem die Aktivitäten aufeinander aufbauen. In dieser Folge von „Gegen die Gewohnheit“ berichtet die Kuratorin Andrea Scholz über ihre bereits sieben Jahre dauernde enge Zusammenarbeit mit einer Dorfgemeinschaft in Kolumbien. Macucu befindet sich am Fluss Vaupés im Amazonasgebiet an der Grenze zu Brasilien. Andrea hat bei ihrem letzten Aufenthalt dort auch mit zweien ihrer Partner*innen über die gemeinsame Arbeit gesprochen. Nachdem es in früheren Jahren um Keramik, Pflanzenfasern und den Bau eines neuen Gemeinschaftshauses ging, legte die Dorfgemeinschaft 2024 einen botanischen Garten an.

Andrea Scholz ist Kuratorin für transkulturelle Zusammenarbeit im Ethnologischen Museum und Museum für Asiatische Kunst in Berlin. Sie ist ausgebildete Anthropologin mit dem Schwerpunkt Amazonien und arbeitet seit 12 Jahren in verschiedenen Kooperationsprojekten mit Indigenen Gemeinschaften und Bildungsprojekten, hauptsächlich in Lateinamerika.

Orlando Villegas Rodriguez ist Kotiria, in Macucu geboren und aufgewachsen und hat dann die weiterführende Schule in Mitú und die pädagogische Universität in Bogotá besucht. Er ist Sportlehrer an der Indigenen Oberschule ENOSIMAR in Mitú und engagiert sich gewerkschaftlich und im Bereich der Indigenen Selbstorganisation.

Jaiver Ramírez ist Desana, in der Nähe von Macucu aufgewachsen, und hat an der brasilianischen Grenze die Schule besucht. Seit vielen Jahren lebt er mit seiner Frau Márcia (Kotiria) und seinen Töchtern in Macucu. Jaiver ist der Capitán der Gemeinschaft und vertritt ihre Interessen nach außen.

Orlando Villegas Rodriguez wurde im Deutschen gesprochen von Daniel Séjourné.

Jaiver Ramírez wurde im Deutschen gesprochen von Julian Mehne.

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Katharina Erben: Gegen die Gewohnheit.

Anna Schäfers: Der Podcast zu neuen Formen der Zusammenarbeit im Ethnologischen Museum und im Museum für Asiatische Kunst Berlin.

Orlando Villegas Rodriguez: Sagen wir, das ist eine sehr wichtige Form, über unsere Kultur nachzudenken, als Volk der Kotiria: wie bei allen Indigenen Völkern, über das, was wir sind und was wir einst waren.

Andrea Scholz: Natürlich ist es logisch. Nur ist es halt jetzt nicht die Art, wie wir normalerweise denken hier. Aber es ist eigentlich total logisch.

Anna Schäfers: Ich bin Anna Schäfers, Kuratorin für Text und Sprache beim Projekt „Das Kollaborative Museum“.

Katharina Erben: Und ich bin Katharina Erben, freiberufliche Kulturredakteurin.

Andrea Scholz: Ich bin Andrea Scholz. Ich bin Kuratorin für transkulturelle Zusammenarbeit im Ethnologischen Museum und Museum für Asiatische Kunst und arbeite schon sehr lange, nämlich seit zwölf Jahren, im Ethnologischen Museum.

Anna Schäfers: Im Kollaborativen Museum geht es sehr viel um Kooperationen mit internationalen Partner*innen. Und wenn man länger und vertrauensvoll miteinander arbeitet, dann können sich auch die Inhalte der Kooperation ändern. Bei der Partnerschaft, von der wir Euch heute erzählen, ging es schon um Pflanzenfasern, einen Federkasten in den Sammlungsräumen des Ethnologischen Museums, einen Hausbau und zuletzt um einen botanischen Garten.

Andrea Scholz: Wir reden heute über eine Langzeitkooperation mit der Indigenen Community Macucu in Kolumbien. Das ist eine Community, die überwiegend von Kotiria bewohnt wird. Kotiria ist eine Indigene Gruppe, die eine Tucano-Sprache spricht. Und genau mit denen arbeite ich schon seit, oh Gott, seit jetzt fast sieben Jahren zusammen. Das heißt, es ist wirklich eine Beziehung, die über eine sehr lange Zeit gewachsen ist.

Katharina Erben: Macucu ist ein ziemlich kleines Dorf am Fluss Vaupés in Kolumbien, im Grenzgebiet zu Brasilien. Es liegt mitten im Amazonasgebiet. In Macucu leben etwa vier bis fünf Familien, die alle miteinander verwandt sind. Die Kinder und Jugendlichen des Dorfes sind unter der Woche in der Regel in einem Internat im nächsten größeren Ort.

Andrea Scholz: Also, Macucu gut zu erreichen ist schon relativ komplex. Also, man muss da erstmal einige Stunden auf einer Straße fahren, die diesen Namen eigentlich nicht verdient. Es ist halt wirklich so eine Schlamm- und Loch- und Weiß-ich-nicht-was-Piste. Wenn man dann diese Straße überwunden hat, dann kommt man an einen Ort, der heißt Puerto Paloma – das ist sozusagen der Anfang des Territoriums der Kotiria – und von dort muss man dann noch mehrere Stunden mit dem Boot fahren. Das heißt, es ist wirklich abgelegen, da gibt es auch keinen Strom, kein Internet, kein gar nichts.

Anna Schäfers: Andrea war 2018 zum ersten Mal in Macucu und seitdem mehrfach vor Ort für Workshops mit den Menschen im Dorf. Was war ihr Antrieb? Dafür holt sie ein bisschen weiter aus und beschreibt, mit welchen Ideen sie sich 2012 beim Ethnologischen Museum beworben hat.

Andrea Scholz: Was mich von Anfang an wirklich umgetrieben hat und interessiert hat, war diese Frage der Zusammenarbeit des Museums mit Indigenen Gruppen. Ich hatte damals gerade meine Doktorarbeit abgeschlossen und habe mich wirklich gefragt: Was bitte interessiert Indigene im südamerikanischen Tiefland an Museumsammlungen? Die haben doch ganz andere Sorgen.

Katharina Erben: Sorgen zum Beispiel um den Verlust der eigenen Identität in der Folge kolonialer Gewalt und Missionierung; Sorge um physische Gewalt durch Guerilla-Truppen wie die FARC, die auch nach Waffenstillständen weiterhin in der Region aktiv ist.

Anna Schäfers: Über Vorgängerprojekte zu Indigenen Wissen bekam Andrea Kontakt zu Lehrer*innen an einer Indigenen Schule in Kolumbien, der Escuela Normal Superior Indígena Maria Reinas in Mitú. Das waren Orlando Villegas Rodriguez und Diana Guzmán Ocampo. Die beiden sagten ihr, dass ihre Indigenen Schüler*innen häufig keine Verbindungen zu ihrem eigenen Wissen, also dem Wissen ihrer Vorfahren haben. Für ein bewusstes Leben als Indigene ist natürlich eine solche Verbindung aber extrem wünschenswert. Also hat Andrea mit Orlando und Diana Workshops in Macucu, Orlandos Heimatdorf, organisiert und ist mit den Schüler*innen dorthin gereist. So konnten sie sich Wissen und damit ihr Territorium neu aneignen, wie Orlando es ausdrückt. Andrea hat bei einem Besuch im November 2024 mit ihm ein Interview für den Podcast geführt.

Orlando Villegas Rodriguez: Die Leute waren lustlos und antriebslos, und als dann der Kontakt entstand mit dem Museum und der Arbeit von Andrea, die uns auch unterstützt hat, da haben sich in der Gemeinschaft neue Energien freigesetzt, durch die Unterstützung haben sie sich ihr Territorium neu angeeignet. Also ich glaube, dass diese Unterstützung sehr wichtig ist, denn hier, von institutioneller Seite, von der Regierung im Bundesstaat, gab es diese nicht.

Katharina Erben: Die Workshops hatten zwar immer einen Bezug zu den Cultural Belongings in den Museumssammlungen des Ethnologischen Museums in Berlin, orientierten sich aber in erster Linie an den Wünschen und Vorschlägen der Dorfbewohner*innen. Dazu hat sich Andrea ebenfalls mit Jaiver Ramírez, dem Capitán, dem Sprecher von Macucu, unterhalten.

Jaiver Ramírez: Das erste Mal, dass wir zusammen gekommen sind, war das mit den Pflanzenfasern und Körben. Dann war alles, was mit der Maloca zu tun hatte, das dritte Mal die Keramik, wie wir es jedes Mal gemacht haben. Zusammengefasst, sagen wir, bei jedem Besuch haben wir kollaborative Arbeiten durchgeführt.

Anna Schäfers: Die Maloca, von der Jaiver spricht, ist das traditionelle Gemeinschaftshaus des Dorfes. Schon beim ersten Workshop zeichnete sich ab, dass Macucu eine neue Maloca braucht. Beim zweiten Workshop wurde die Maloca dann gebaut

Andrea Scholz: Auf jeden Fall fand der ganze Workshop in so einem echt schrottigen, baufälligen Communityhaus statt mit Wellblechdach. Und damals war dann schon so die Überlegung: Eigentlich müssten wir uns hier ein richtiges Haus bauen, nämlich das Gemeinschaftshaus, was uns hier fehlt, die Maloca. Maloca ist ein Missionarsbegriff. Aber auf Kotiria gibt es verschiedene Sprachen für dieses Haus oder es gibt mehrere Übersetzungen. Es heißt Haus des Wissens, Haus der Ahnen, Haus der Milch. Es gibt verschiedene Namen, weil das wirklich sozusagen den Ursprung der Community symbolisiert.

Katharina Erben: Das Geld für den Workshop zum Bau der Maloca stammte aus einem Drittmittelprojekt von der Volkswagenstiftung. Die filmische Dokumentation finanzierte das Humboldt Forum. Das Know How wurde natürlich von den Dorfbewohner*innen selbst reaktiviert.

Andrea Scholz: Hier war es so, dass wir gesagt haben, na ja, es gibt dafür Geld und alles andere muss aber von Euch kommen. Ihr müsst sozusagen selbst die Kräfte mobilisieren und den Opa fragen, der zwar schon 88 ist und nichts mehr sieht, aber der einzige ist, der schon mal in einem richtigen Langhaus hier an diesem Ort gesessen hat. Der einzige, der immer hier geblieben ist. Und der Opa hat es den Leuten erzählt. Fand ich auch irre. Also diese Konstruktion ist total architektonisch aufwändig. Und das macht ja auch was mit einem, wenn man dann merkt: Das ist wie die eigene Person stärken, wenn man dieses Haus baut.

Anna Schäfers: Für Andrea und das Dorf Macucu war die Einweihung der Maloca ein besonders glücklicher Tag.

Andrea Scholz: Die ganze Community war einfach glücklich. Und dann konnten sie halt, und das ist für die wirklich so wichtig, weil die halt aus diesem hohen Clan sind, konnten die Leute einladen aus anderen Clans und konnten die empfangen. Und dann eine Frau – das werde ich nie vergessen – hat zu mir gesagt: Ach, Andrea, weißt du, ich habe mich jetzt auch erinnert, wie man seine Cousinen begrüßt von den anderen Clans in der Maloca, in dem Haus, weil ich das gar nicht mehr wusste, weil wir hatten ja keins. Und jetzt ist es mir wieder eingefallen.

Anna Schäfers: Bemerkenswert, wie durch die neue Maloca sich ein Zugang zu diesem verschütteten Wissen wiederhergestellt hat. Sie hat den Menschen von Macucu einen gewissen Stolz zurückgegeben, weil sie nun dort Besuch empfangen können und einen Ort für die Gemeinschaft haben.

Andrea Scholz: Also jeder weitere Workshop, den wir gemacht haben, fand in diesem Langhaus statt.

Katharina Erben: Im letzten Workshop 2024 war das Ziel, einen botanischen Garten anzulegen, Pflanzenwissen zusammenzutragen und zu dokumentieren. Wie immer auf Wunsch der Dorfgemeinschaft.

Andrea Scholz: Und dieser botanische Garten ist auf so einer brachliegenden Fläche, wo irgendwann mal Maniok gewachsen ist, angelegt. Und die Idee der Leute war eben, die Pflanzen alle zusammenzubringen und eben auch das Wissen zu bündeln. Und die Leute haben verschiedene Mengen von Pflanzen eingebracht. Die sagen immer die semillas, also die Samen, aber das sind in der Regel Setzlinge. Und dann wurden diese Setzlinge eben wirklich so schön in Reih und Glied da hingestellt – das sieht wirklich ganz anders aus als so ein normales Brandrodungsfeld –und mit so Holzplaketten versehen, wo Nummer draufstehen. Und Jaiver führt darüber Buch: Wem gehört welche Pflanze?

Anna Schäfers: Jaiver beschreibt die Idee hinter dem Garten so:

Jaiver Ramiréz: Nun, die Idee hier in unserer Gemeinschaft ist, all jene Heilpflanzen zu sammeln, die wir kennen, die wir rund um unsere Häuser haben. Es gibt andere, im Wald. Die Idee ist, sie an einer Stelle zu haben. Und zu bewahren. Und mehr zu produzieren, nicht an Menge, sondern an anderen Heilpflanzen, die bereits verloren gehen, da unsere Großeltern bereits gestorben sind und uns nicht gesagt haben, wofür etwas gut ist.

Andrea Scholz: Also ich war total beeindruckt, weil das Selbstnarrativ der Leute in Macucu ist immer: Wir haben so viel verloren, wir wissen gar nichts. Und wir haben wirklich zwei Tage in der brütenden Hitze damit verbracht, diese ganzen Pflanzen zu dokumentieren. Also wirklich Pflanze für Pflanze, aufgeschrieben, gefilmt, die Person, die uns erklärt, wofür das gut ist. Und da war von Prostatakrebs über ADHS bis hin zu „was mache ich, wenn ich auf einer Party verhext werde?“ alles dabei. Plus zehn verschiedene Medikamente gegen Schlangenbisse, plus verschiedenste Medikamente gegen so Durchfall, Erbrechen, Erkältungen, diese Sachen, was man so… Teilweise auch Sachen, die wir kennen, Ingwer zum Beispiel. Und das ist, glaub ich auch, die Idee. Sie wollen da wie so eine Art Apotheke haben für traditionelle Medizin. Also ist auch klar. Ich meine, ist doch super, wenn einer von einer Schlange gebissen wird und du musst da nur hingehen. Ansonsten müssen die immer gucken, wo gibt es was, wer hat was und dann ist es vielleicht nicht da oder man muss erst in den Wald und… Ja, finde ich sehr einleuchtend, also sehr intelligent.

Katharina Erben: Damit die Pflanzen ihre Wirkung entfalten können, verwenden die Menschen in Macucu unterschiedliche Teile. Sie werden getrocknet, zermahlen, eingeweicht, etc. und dann auf unterschiedliche Weise zu sich genommen. Man isst sie, trägt einen Brei auf die Haut auf oder trinkt sie als Tee.

Andrea Scholz: Am meisten beeindruckt hat mich, glaube ich, das gegen ADHS, also ADHS, ich übersetze es jetzt so. Mir wurde es erklärt, ja, wenn das Kind immer so zappelt und in der Schule und das funktioniert nicht mit dem Lernen und so. Und das war so eine Pflanze mit so einem Blatt, mit einem Kelch und das funktioniert so, dass der Tau, der sich morgens in diesem Kelch sammelt, dass das Kind das direkt morgens trinken muss.

Anna Schäfers: Für den Anbau von Heilpflanzen im botanischen Garten war also eine Menge komplexes Wissen vorhanden und konnte zusammengetragen werden. Das widerspricht ganz wunderbar dem Selbstnarrativ, das Andrea vorhin angesprochen hat, dass Wissen lange vergessen sei, weil es angeblich nicht viel wert war. Solche Vorstellungen wirken sich auf die Selbsterzählung aus. Andrea hat uns erklärt, was sie mit Selbstnarrativ der Menschen in Macucu meint.

Andrea Scholz: Ich glaube auch, dass diese Selbsterzählung, nichts zu wissen, daher kommt, dass aufgrund dieser kolonialen Erfahrung, dass das eigene Wissen nichts wert ist. Dass der Doktor, der einmal im Jahr vorbeikommt und sagt „Oh, nee, wie sieht’s denn hier aus? Und mit Hygiene ist ja hier nicht so, und was esst Ihr hier eigentlich?“ Also es ist heutzutage nicht mehr so, aber es war lange so, dass der als der Wissende und man selber weiß eigentlich nichts. Also man fühlt sich klein und Indigene sind nichts wert, und so.

Anna Schäfers: Wie gut, wenn der botanische Garten hier vielleicht gegen diese Selbsterzählung ein Zeichen setzen kann.

Katharina Erben: Einige der Menschen aus Macucu waren nun bereits auch mehrfach in Berlin. Sie sind dort den Cultural Belongings in den Sammlungsräumen begegnet und damit auch Zeugnissen ihrer Kultur, die sich in Kolumbien selbst nicht erhalten haben.

Andrea Scholz: Als Diane und Orlando das erste Mal in Berlin waren, war es für die total schockierend, wie die Sammlung der rituellen Gegenstände aus dieser Region im Depot aufbewahrt ist. Das ist ein ganzes Ensemble von Elementen. Wir reden meistens von Elementen, so Elementos Culturales. Oder wir sagen manchmal auch Wesen, weil es halt tatsächlich die Ahnen sind, eigentlich. Es gibt so ein Ensemble, das ist der rituelle Tanzschmuck der initiierten Männer, der eigentlich zu den Clans gehört. Das ist wirklich so ein genuiner Gegenstand oder mehrere Gegenstände eines Clans. Das ziehen sich die Männer an, also die initiiert sind, die ein bestimmtes Ritual durchlaufen haben, bei Festen. Und diese ganzen Elemente, die werden zusammen aufbewahrt in einem Kasten, der sieht aus wie so ein rechteckiger Kasten – kann man auf Deutsch übersetzen als Federkasten – und da sind diese ganzen Elemente drin. Also auch Sachen, die man auf den Kopf zieht, also so verschiedene Elemente von Kopfschmuck, verschiedene Elemente von Körperschmuck eigentlich. Und theoretisch gehören alle Teile, die zum Clan gehören, in diesen Kasten. Und das alles bildet einen Körper, nämlich den Clanältesten, also den Vorfahren. Und wir hatten in Berlin diese ganzen Elemente in unterschiedlichen Kästen, gemischt mit irgendwelchen anderen Sachen von anderen Ethnien. Weil im Depot liegen die Sachen, so wie sie halt irgendwie passen und häufig nach Materialgruppen sortiert. Und viele Sachen wissen wir ja auch einfach nicht. Das sind wirklich Gegenstände, die mit uns nicht kommunizieren können. Wobei sie ja also schon sehr viel Power haben. Auf jeden Fall hatten wir immer diese Sorge, oder dieses Anliegen im Projekt, irgendwie diesen Federkasten wieder zusammenzubringen. Also das war so ein Ding. Wobei wir dann im Laufe der Zeit festgestellt haben, dass das gar nicht geht, weil der Mensch, der das gesammelt hat, diese Elemente immer an unterschiedlichen Orten gesammelt hat. Das heißt, wenn man diesen Kasten zusammensetzen würde, wäre das so, wie wenn man einen Körper zusammenbaut aus unterschiedlichen Körperteilen. Der Arm kommt von der Person, das Bein von einer anderen Person und niemand weiß so richtig, wo was hingehört, weil es natürlich nicht dokumentiert wurde.

Anna Schäfers: Dieser Federkasten kam durch Theodor Koch-Grünberg ins Museum, einen deutschen Ethnologen, der ab 1901 am Museum für Völkerkunde in Berlin arbeitete. Koch-Grünberg bereiste die Gegend des Rio Negro, wo die Kotiria leben, von 1903 bis 1905.

Andrea Scholz: Klar, er hatte auch attraktive Tauschgegenstände. Und für die Leute bedeutete das aber keinen Verlust von diesem Kasten, weil die konnten ja die einzelnen Teile ersetzen. Es geht jetzt nicht wirklich um das materielle, spezielle Teil, was da drin ist, sondern um diese Idee von diesem Gesamtkasten. Und erst nach Theodor Koch Grünberg kam dann eigentlich der große Wahnsinn, nämlich durch die Missionare, die halt diese Kästen wirklich als Ganze aus den Dörfern weggenommen haben, weil die gesagt haben: „Alles was Ihr hier macht, ist des Teufels und Ihr solltet diese Rituale nicht machen.“ Und dadurch heutzutage, das ist auch eine wichtige Information, gibt es diese Kästen eigentlich in den meisten Communities nicht mehr. Diese ganze Kontaktgeschichte ist total brutal und grausam und traurig. Aber das ist halt für die Leute wirklich so ein total traumatisches Thema mit diesen Federkästen.

Katharina Erben: Bei seinem ersten Besuch in Berlin konnte Orlando den Federkasten in den Sammlungsräumen des Museums sehen. Andrea hat mit ihm in Macucu darüber gesprochen. Die Art und Weise, wie in Deutschland Indigenes Wissen gespeichert wird, hat ihn nachdenklich gemacht.

Orlando Villegas Rodriguez: Sagen wir, das ist eine sehr wichtige Form, über unsere Kultur nachzudenken, als Volk der Kotiria. Wie bei allen indigenen Völkern, über das was wir sind und was wir einst waren. Unsere Vorfahren hatten sehr viel Wissen, und im historischen Prozess haben wir sehr viel verloren. Durch diese Rückschau auf das Wissen, das in den Sammlungen in Deutschland gespeichert ist, denken wir sehr viel nach über das, was wir erlebt haben, was uns widerfahren ist, und in welcher Situation wir uns befinden bezüglich unseres traditionellen Wissens. Wir sind auch sehr besorgt, denn wir sehen, wie viel wir verloren haben an Wissen. Dieser Raum, den uns die Sammlungen öffnen, hilft uns darüber zu reflektieren, als Referenz, um zu sehen, wo wir stehen, mit unserer Kunst, unserer Kultur, hier im Bundesstaat Vaupés. In diesem Prozess befinden wir uns.

Andrea Scholz: Diese Begegnung mit der Sammlung war für Orlando echt lebensverändernd. Also das glaube ich wirklich.. Ich glaube ihm ist in dem Moment bewusst geworden, so wirklich visuell bewusst geworden, was eigentlich alles verloren gegangen ist, weil wir ja, die wir hier einfach ins Depot laufen können – Schlüssel auf, zum Depot, reingehen, hier sind die Schränke – uns nicht klar machen, was das heißt, wenn Leute sich zwar an diese ganzen Gegenstände alle erinnern, die aber noch nie gesehen haben. Und diese Begegnung, was die dann auslöst, auch an sich Bewusstwerden über das, was ich am ehesten als koloniales Trauma bezeichnen würde. Und bei Orlando hat das aber dann so eine Energie freigesetzt. Wirklich, dieses: „Ich will meinem Dorf was Gutes tun.“

Anna Schäfers: Was folgt daraus für Orlando? Und was für das Museum?

Andrea Scholz: Also es gab intensivste Workshops in der Sammlung und wenn ich Diana und Orlando frage, wie ist das, wenn Ihr das nächste Mal nach Berlin kommt? Wollt Ihr da noch mal in die Sammlung? Sagen die immer: „Ja klar, müssen ja unsere Großeltern besuchen.“ Also es ist halt wirklich so ein Verständnis von diese Vorfahren, Großeltern, die sagen los abuelos, die Großeltern, die sind in der Sammlung. Das ist aber wie so eine Art Pfand. Also: „”ir lassen die abuelos in der Sammlung dafür, dass Ihr auch für uns dort Verantwortung übernehmt.“ Also, das ist so die Begründung, die ich immer liefere und die glaube ich auch aus Indigener Sicht total viel Sinn macht. Das ist halt eine Beziehung, die dadurch auch lebendig bleibt. Deswegen macht die Frage nach „Wollt Ihr das alles zurück?“ für die Leute auch keinen Sinn. Weil, was sollte jetzt in Macucu irgendjemand mit einer 120 Jahre alten Panflöte anfangen? Oder auch mit einem Federkasten, der voll ist mit Giften, weil eben die Sammlungsgegenstände ja alle gegen Insektenfraß etc. ordentlich gerüstet wurden. Und es geht auch sowieso nicht um das materielle Objekt. Es ist einfach eine ganz andere Perspektive auf auf die Verbindung zwischen materiellen Elementen und nicht materiellen. Und das ist, finde ich, extrem bereichernd für jedes Museum, das zu verstehen.

Katharina Erben: Wir haben natürlich auch Andrea nach dem Ziel der Kooperation gefragt.

Andrea Scholz: Zum einen glaube ich, ist es sehr wichtig, solche Langzeitkooperationen zu haben, weil das einfach eine ganz andere Qualität von Beziehung ist.

Anna Schäfers: Für ein Langzeitprojekt ist eine Objektzentrierung nicht der Fokus, der alle Beteiligten über Jahre zusammenhält. In der Praxis stellten sich diverse Vorstellungen als falsch heraus. Kollaboration, gerade in auf längere Dauer angelegten Projekten, benötigt Flexibilität, ein lebendiges Netzwerk und offenen Austausch.

Andrea Scholz: Bis ich das aber geschnallt habe, das hat echt ein paar Jahre gedauert. Und bis mir das jemand gesagt hat, wirklich so offen gesagt hat: „Guck mal, wir wollen eigentlich was anderes machen.“ Deswegen, wenn Projekte so ein, zwei Jahre nur dauern, dann kommt man, denke ich mal, häufig gar nicht dahin, dass die Leute wirklich ehrlich sagen, was sie wollen. Bis hin, dass sie auch wirklich ehrlich sagen, was ihnen stinkt.Dann ist es so, dass alle Aktivitäten ja immer dokumentiert werden. Also das heißt, es gibt jetzt wirklich auch eine Langzeitdokumentation, die dem Museum gehört – also auch dem Museum gehört, gehört der Community, gehört aber auch dem Museum. Ist natürlich also für mich, denke ich, eine extrem wertvolle Bereicherung und Aktualisierung dieser Sammlung, weil es halt einfach zeigt, was ist da jetzt los? Koch-Grünberg war da vor 120 Jahren und er ist wirklich auch in Macucu vorbeigekommen. Und alle Aktivitäten, die wir da machen, sind im Grunde auch irgendwie in irgendeiner Form verknüpft mit Elementen aus der Sammlung, also selbst die Pflanzen. Die Elemente in unserer Sammlung, sind alles Botschafter dieses Territoriums, ist klar. Das sind die Pflanzen hier und die wachsen hier. Und natürlich ist es logisch. Nur ist es halt jetzt nicht die Art, wie wir normalerweise denken hier. Aber das ist eigentlich total logisch.

Katharina Erben: Jaiver sagt, dass die Kollaboration ein wichtiges Mittel ist, um Indigenes Wissen zu reaktivieren und den jungen Menschen vor Ort zu vermitteln.

Jaiver Ramiréz: Ich glaube, ohne Euch wären wir diese Schritte niemals gegangen, in unseren verschiedenen Aktivitäten, die wir realisiert haben, das hätten wir niemals geschafft. Denn für alle Aktivitäten braucht man eine Unterstützung, jemanden, der an unserer Seite steht, nicht wahr? Und das ist ein sehr wichtiges Werkzeug, diese Unterstützung, die Ihr uns gegeben habt. Und ich hoffe, dass wir in Zukunft so weiterarbeiten und all das Traditionelle an der Indigenen Kultur bewahren helfen, und all das, was wir über viele Jahre verloren haben, das werden wir nach und nach retten. Das wenige, was wir haben. Die Jugendlichen motivieren und künftigen Generationen, das all das schöne Wissen der Indigenen Völker nicht verloren geht.

Anna Schäfers: Die Workshops schaffen es also, Augen zu öffnen, gewohnte Denkweisen zu hinterfragen und zu verlassen und sich dann wirklich auf Kooperationen einzulassen.

Katharina Erben: Ziel des Kollaborativen Museums erreicht!

Anna Schäfers: Übrigens: Wir werden jetzt erst einmal auf einen zweimonatlichen Rhythmus wechseln. Ihr hört uns im Mai wieder. Bis dahin: liked uns, kommentiert, erzählt Euren Lieben von uns.

Katharina Erben: Das war „Gegen die Gewohnheit. Der Podcast zu neuen Formen der Zusammenarbeit im Ethnologischen Museum und im Museum für Asiatische Kunst.“ Produziert von speak low im Auftrag der Staatlichen Museen zu Berlin.

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