Neue Verbindungen knüpfen – die neue Togo-Ausstellung
Shownotes
Neue Verbindungen knüpfen – die neue Togo-Ausstellung
Das Ethnologische Museum Berlin bewahrt heute etwa 1.600 Cultural Belongings aus Togo. Sie sind zum großen Teil während der Kolonialzeit ins Museum gelangt, als Togo von 1884 bis 1914 deutsche Kolonie war. Welche Rolle können diese Gegenstände heute spielen, um neue Verbindungen zwischen den Menschen in Deutschland und Togo zu knüpfen? Dieser Frage widmet sich die Ausstellung „Tisser de nouveaux liens“, also „Neue Verbindungen knüpfen“, die ab 26. November 2026 im Humboldt Forum zu sehen sein wird. Sie ist entstanden in enger Kollaboration zwischen Berliner Museumsmenschen, Akademiker*innen und Künstler*innen aus Togo – zeitgenössische Kunst steht neben den kolonialzeitlichen Gegenständen im Zentrum der Ausstellung. Für diesen Podcast haben wir uns mit drei Menschen, einem aus jeder Gruppe, über ihre Arbeit an der Ausstellung unterhalten.
Interviewpartner*innen in der Reihenfolge ihres Auftritts:
Camille Tété Azankpo ist ein autodidaktischer Künstler aus Lomé, Togo. Zunächst als Schildermaler mit einem Zusatz in Metallverarbeitung ausgebildet, arbeitet er seit 1996 zunehmend künstlerisch. Grundlage seiner Arbeiten sind häufig Alltagsgegenstände, denen er neues Leben einhaucht.
Dr. Kokou Azamede ist Germanist und Kulturwissenschaftler an der Universität von Lomé in Togo. Seine Forschungsschwerpunkte sind Transkulturalität, die deutsche Missionsarbeit und Kolonisierung sowie koloniale Fotografie in Westafrika. Seine Arbeit ist immer wieder auch transdisziplinär, so war er 2021 an der Produktion „Wir Schwarzen müssen zusammenhalten“ an den Münchener Kammerspielen beteiligt.
Dr. Verena Rodatus ist verantwortliche Kuratorin für die Sammlungen West- und Südliches Afrika am Ethnologischen Museum Berlin. Von 2015 bis 2021 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Kunst Afrikas an der Freien Universität Berlin. Als Kuratorin ist sie maßgeblich an der Restitution der während der Zeit des deutschen Kolonialismus illegal ausgeführten Kulturgüter aus Kamerun beteiligt.
Forging new connections – the new Togo exhibition
The Ethnologisches Museum Berlin houses around 1,600 cultural belongings from Togo. For the most part they came to the museum during the colonial era, when Togo was a German colony from 1884 to 1914. What role can these objects play today to forge new connections between people in Germany and Togo? The exhibition “Tisser de nouveaux liens”, i. e. “Forging new connections”, addresses this question. It will open on 26 November 2026 at the Humboldt Forum and was created in close collaboration with Berlin museum people and academics and artists from Togo – contemporary art sits right next to the colonial-era belongings at the centre of the exhibition. For this podcast, we have talked to three people, one from each group, about their work for the show.
Interviewees in the order of their appearance:
**Camille Tété Azankpo **is a self-taught artist from Lomé, Togo. Trained as a sign painter with additional training on working metal, he has been increasingly working as an artist since 1996. The basis for his work are often everyday objects to which he gives new life.
Dr Kokou Azamede is a scholar of German and cultural studies at the University of Lomé in Togo. His research focuses are on transculturality, German missionary work and colonisation as well as colonial photography in West Africa. His work is often transdisciplinary, e. g. he was involved in the 2021 production of “Wir Schwarzen müssen zusammenhalten” (“We Blacks have to stick together”) at the Münchener Kammerspiele.
Dr Verena Rodatus is the curator responsible for the collections of West and Southern Africa at the Ethnologisches Museum Berlin. From 2015 to 2021, she was a research assistant in the Department of African Art at the Free University of Berlin. As a curator, she is significantly involved in the restitution of cultural artefacts from Cameroon that were illegally exported during the period of German colonialism.
Tisser de nouveaux liens – la nouvelle expositions sur le Togo
Le Musée ethnologique de Berlin conserve aujourd'hui environ 1 600 biens culturels provenant du Togo. La majeure partie d'entre eux a rejoint les collections durant la période coloniale, alors que le Togo était une colonie allemande (de 1884 à 1914). Quel rôle ces objets peuvent-ils jouer aujourd'hui pour tisser de nouveaux liens entre les populations d'Allemagne et du Togo ? C'est à cette question que se consacre l'exposition « Tisser de nouveaux liens », qui sera présentée au Humboldt Forum à partir du 26 novembre 2026. Elle est née d'une étroite collaboration entre des professionnels du musée berlinois, des universitaires et des artistes togolais ; l'art contemporain y occupe une place centrale, aux côtés des objets datant de l'époque coloniale. Pour ce podcast, nous avons échangé avec trois personnes — une représentante de chaque groupe — au sujet de leur travail sur cette exposition.
Intervenants (dans l'ordre d'apparition):
Camille Tété Azankpo est un artiste autodidacte originaire de Lomé, au Togo. Formé initialement au métier de peintre d'enseignes avec une spécialisation en métallerie, il consacre une part croissante de son activité à la création artistique depuis 1996. Ses œuvres reposent souvent sur des objets du quotidien auxquels il insuffle une nouvelle vie.
Dr Kokou Azamede est germaniste et expert en études culturelles à l'Université de Lomé, au Togo. Ses recherches portent principalement sur la transculturalité, l'œuvre missionnaire et la colonisation allemandes, ainsi que sur la photographie coloniale en Afrique de l'Ouest. Son travail revêt également une dimension transdisciplinaire ; il a notamment participé, en 2021, à la production « Wir Schwarzen müssen zusammenhalten » (Nous, les Noirs, devons rester solidaires) au théâtre Münchner Kammerspiele.
Dr Verena Rodatus est conservatrice responsable des collections Afrique de l'Ouest et Afrique australe au Musée ethnologique de Berlin. De 2015 à 2021, elle a été collaboratrice scientifique au département d'art africain de l'Université libre de Berlin (Freie Universität Berlin). En tant que conservatrice, elle joue un rôle déterminant dans la restitution des biens culturels du Cameroun exportés illégalement durant la période du colonialisme allemand.
Transkript anzeigen
Katharina Erben: Gegen die Gewohnheit.
Anna Schäfers: Der Podcast zu neuen Formen der Zusammenarbeit im Ethnologischen Museum und im Museum für Asiatische Kunst Berlin.
Camille Tété Azankpo: Ce projet est bien plus qu’une exposition. Pour moi, c’est un face-à-face frontal avec l’histoire coloniale.
Anna Schäfers: Ich bin Anna Schäfers, Kuratorin für Text und Sprache beim Projekt „Das Kollaborative Museum“.
Katharina Erben: Und ich bin Katharina Erben, freiberufliche Kulturredakteurin.
Anna Schäfers: Das Ethnologische Museum bewahrt etwa 500.000 Cultural Belongings; ausgestellt werden aktuell etwa 20.000. Das bedeutet, dass eine ganze Menge bisher nicht so viel Beachtung gefunden haben – manche sind vielleicht noch nie ausgestellt worden. Zu Togo, einer ehemaligen deutschen Kolonie in Westafrika, hatte das Museum etwa seit seiner Gründung noch nie eine Einzelausstellung.
Katharina Erben: Das ändert sich ab Ende November 2026. Die neue Ausstellung „Tisser de nouveaux liens“, „Neue Verbindungen knüpfen“, ist als Kollaborationsprojekt im Rahmen von CoMuse entstanden. Das Projekt stellen Euch heute drei seiner vielen Mitarbeiter*innen und Partner*innen hier im Podcast vor.
Kokou Azamede: Bonjour également à tous, je suis Kokou Azamede et moi je suis plutôt enseignant-chercheur à l’Université de Lomé en études germaniques où je travaille déjà depuis plusieurs années et mon centre d’intérêt dans la recherche se trouve plutôt dans le colonialisme allemand.
Katharina Erben: Kokou Azamede ist Wissenschaftler und unterrichtet an der Universität von Lomé, das ist die Hauptstadt von Togo. Er befasst sich mit der deutschen Kolonialzeit und der christlichen Missionierung im Land, forscht zur Kolonialfotografie und der Provenienz von Cultural Belongings in Deutschland. Er berät in diesem Projekt, wie Ausstellungsgegenstände kontextualisiert werden sollten. Togo war von 1884 bis 1914 „deutsches Schutzgebiet“, beziehungsweise Kolonie, was eine vornehme Umschreibung für wirtschaftliche Ausbeutung und Zwangsarbeit ist. Nach dem 1. Weltkrieg wurde das Land, das kleiner als Bayern ist, geteilt in ein französisches und ein britisches Mandatsgebiet. Seine Unabhängigkeit erlangte es 1960.
Anna Schäfers: Zusammen mit weiteren Wissenschaftler*innen aus Togo hat Kokou von den ca. 1.600 Gegenständen in der Sammlung drei ausgewählt, die physisch in der Ausstellung stehen werden. Die weiteren Belongings finden Besucher*innen auf einer digitalen Recherchestation. In der Ausstellung stehen die historischen Gegenstände im Zentrum, sie werden von zeitgenössischer Kunst gerahmt. Das Museum hat sechs Werke angekauft beziehungsweise die Rechte an ihnen erworben. Teil dieses etwas anderen Zugangs ist ein Kunstwerk von Camille Tété Azankpo.
Camille Tété Azankpo: Bonjour. Je suis Azankpo Tété, artiste plasticien. Mon travail s’articule autour de la matière, de la récupération et de la transformation. Je pense notamment à mes œuvres créées à partir de bassines émaillées, du bois et des métaux. J’assemble, je restructure ces fragments du quotidien pour questionner la mémoire, notre identité et les réalités sociopolitiques qui nous traversent.
Katharina Erben: Camille ist Künstler und arbeitet mit verschiedenen Materialien: Holz, Metall, Emaille. Er gestaltet seine Werke aus Alltagsfragmenten, um Erinnerungen, Identität und soziopolitische Gegebenheiten zu hinterfragen. Für die Ausstellung hat er eine große Arbeit beigesteuert, die wir und er Euch später noch vorstellen werden.
Anna Schäfers: Dass Kunst einen so großen Stellenwert in der Ausstellung hat, geht auf die Initiative von Verena Rodatus zurück. Sie ist am Ethnologischen Museum als Kuratorin verantwortlich für die Sammlungen West-, Zentral- und Südafrika; sie ist Kunsthistorikerin. Ihr kennt sie vielleicht noch aus einer früheren Folge zu Cultural Belongings aus Kamerun im Museum.
Verena Rodatus: Bonjour tout le monde, je m’appelle Verena, je suis aujourd’hui la responsable des collections de l’Afrique de l’ouest, centrale et du sud, à l’Ethnologisches Museum Berlin.
Anna Schäfers: Als Kuratorin und Projektleiterin hat sie sich dafür eingesetzt, dass die Ausstellung wissenschaftliche und künstlerische Zugänge kombiniert. Arbeiten wie die von Camille bekommen daher einen prominenten Platz in der Ausstellung. Daraus ergeben sich neue Verbindungen, wie schon der Titel der Ausstellung besagt: Tisser de nouveaux liens!
Verena Rodatus: Alors, on s’est dit: Comme j’ai un réseau au Togo, pas seulement de chercheurs*chercheuses, mais des artistes contemporaines*contemporains, pourquoi ne pas combiner des différentes approches? À Berlin, il y a une dite collection de plus de 1.600 pièces aujourd’hui, pièces historiques, et pourquoi nous n’abordons pas cette collection de différentes perspectives? Bref, on s’est dit, et ça c’est un titre qui est venu par aussi les participants du projet qui ont toujours confirmé que „Tisser de Nouveaux Liens“, c’est le projet, on l’a répété, donc le titre est resté.
Anna Schäfers: Verena hat sich in zwanzig Jahren Berufserfahrung ein Netzwerk an Künstler*innen und Wissenschaftlicher*innen aufgebaut, dass sie jetzt nutzen konnte, um die Sammlung in Berlin aus neuen Perspektiven zu betrachten. Durchaus ein wichtiges Ziel des Projekts.
Verena Rodatus: C’est-à-dire, moi j’ai la conviction que la science et l’art sont deux systèmes de savoir qui ont des approches différentes mais qui sont égales à la fin.
Anna Schäfers: Kunst und Wissenschaft sind zwei unterschiedliche Wissenssysteme und Zugänge zur Welt. Die Ausstellung stellt sie als gleichwertig dar.
Verena Rodatus: Moi, je suis convaincue que chaque système de savoir a une approche différente. C’est-à-dire, ce qu’on peut exprimer à travers la science, c’est bien valide. C’est ce qu’on peut exprimer avec une sensibilité artistique, ce n’est pas sur des faits valides, mais c’ est plus des associations.
Anna Schäfers: Wissenschaftler*innen arbeiten mit historischen Fakten. Kunstschaffende gehen mit künstlerischer Sensibilität und assoziativer an die Geschichtsaufarbeitung.
Verena Rodatus: Donc, je crois, dans l’exposition même, au milieu, on a vraiment une discussion autour des collections qui a une base sur des faits historiques, par exemple sur des différentes perspectives régionales, etc. Par contre, l’art travaille beaucoup plus à travers l’esthétique, beaucoup plus à travers la matérialité, etc. Donc c’est une autre forme d’expression qui anime les visiteurs, on croit bien, à se poser leurs propres questions.
Katharina Erben: Der wissenschaftliche Teil der Ausstellung wird auch die unterschiedlichen Perspektiven der verschiedenen Regionen Togos berücksichtigen. Dazu kommt die Perspektive der Diaspora. Kunst über alle Grenzen und Materialitäten hinweg animiert die Besucher*innen, eigene Fragen zu stellen.
Anna Schäfers: Camille musste sich die deutsch-togoische Geschichte erst einmal anlesen, um künstlerisch auf sie reagieren zu können und die wissenschaftlichen Erkenntnisse sichtbar zu machen, wie er es nennt.
Katharina Erben: Schieben wir hier mal eben einen kurzen geschichtlichen Exkurs ein. Während der autoritären Herrschaft von Gnassingbé Eyadéma von 1967 bis 2005 bestanden enge Beziehungen zwischen der togoischen und der westdeutschen Regierung. Eine wichtige Rolle spielte dabei die enge persönliche Beziehung zwischen Franz-Josef Strauß und Eyadéma. Sie gingen gern gemeinsam auf Antilopenjagd. Ab 1990 – nach dem Tod von Strauß, der deutschen Wiedervereinigung und der größeren medialen Beachtung von Menschenrechtsverletzungen in Togo – verschlechterten sich die Beziehungen von der deutschen Seite aus. Dennoch blieb Deutschland ein wichtiger Partner – auch, weil Eyadéma die koloniale Vergangenheit erstaunlich positiv darstellte.
Anna Schäfers: Erst nach dem Tod von Gnassingbé Eyadéma 2005, dem übrigens sein Sohn nachfolgte, wird in Togo die deutsche Kolonialherrschaft offiziell differenzierter diskutiert. Die Deutsche haben nicht nur Eisenbahnen gebaut, sondern auch geplündert und Widerstand gegen die Ausbeutung mit brutalen Strafexpeditionen unterdrückt. Camille war davon etwas überrascht. Vor allem von Cultural Belongings, die während der Kolonialzeit aus Togo nach Deutschland gebracht wurden.
Camille Tété Azankpo: Nous artistes plasticiens qui ont cette habitude de révéler ces choses qui sont d’ordre académique, je dirais beaucoup d’artistes ne sont même pas au courant qu’il y a des objets qui se trouvent dans un musée quelque part à Berlin, moi non plus. Et du coup quand on m’a abordé avec ce sujet j’étais ébahi de comprendre qu’ il y a eu des torts qui ont été faits à mon pays et par les Allemands et donc c’est comme ça je me suis intéressé à cette histoire là.
Katharina Erben: Das Projekt ist für ihn mehr als eine Ausstellung, es ist eine direkte Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte. Er nimmt sie in sich auf, verdaut sie, versucht als Künstler einen ästhetischen Ausdruck für sie zu finden.
Camille Tété Azankpo: Ce projet est bien plus qu’une exposition. Pour moi, c’est un face-à-face frontal avec l’histoire coloniale. Et donc, le travail qui a été fait selon moi par rapport à cet atelier des artistes, ont pris le temps de s’assimiler, de comprendre et d’associer de ces choses à l’esthétique que nous avions l’habitude d’exprimer.
Katharina Erben: Camille hat für die Ausstellung ein Kunstwerk aus Schüsseln, cuvettes, vom Markt geschaffen. Schüsseln, wie sie während der Kolonialzeit nach Togo eingeführt wurden. Heute sind das Alltagsgegenstände, die in Togo vielfältig verwendet werden: Aus ihnen werden Waren verkauft, man kann aus ihnen essen, wäscht seine Kinder in ihnen. Schüsseln besitzen im zwischenmenschlichen Austausch eine gewisse Affektivität, eine emotionale Bedeutung.
Camille Tété Azankpo: Déjà parlant des matériaux ou de la matière que j’emprunte dans mon travail, ce sont des cuvettes qui portent des vies, qui élèvent les foyers dans plusieurs choses, des marchés et qui vont servir dans un marché, qui font ce truc-là, cet échange entre des humains et qui donnent une certaine affectivité dans des maisons, dans des marchés, dans des foyer, dans tous les lieux de nos communautés ici.
Katharina Erben: Camille gibt ihnen ein neues, ein zweites Leben.
Camille Tété Azankpo: Et moi, une seconde vie, je leur donne parce qu’une fois servi comme des matières à vendre, à servir à manger, à servir, à laver un enfant, moi je les emprunte et je leur tisse un nouveau lien. Je leur donne une nouvelle vie.
Katharina Erben: Er hat aus ihnen einen Vorhang gestaltet
Camille Tété Azankpo: C’est une forme de séparations qui soit symbolisée par le rideau.
Katharina Erben: Er ist ein Symbol für die Trennung.
Camille Tété Azankpo: C’est une séparation que je crée symboliquement, qui existe entre les peuples du monde, comme cette histoire germano-togolaise.
Katharina Erben: Camille bezieht sich auf Menschen weltweit. Im Zusammenhang der Ausstellung interessiert ihn aber besonders die deutsch-togoische Geschichte.
Camille Tété Azankpo: Le rideau que vous voyez, c’est ce mur qui sépare. Ça sépare les communautés, ça sépare les individus. C’est un préjugé.
Katharina Erben: Der Vorhang steht auch für Vorurteile, die Menschen voneinander trennen, seien sie sichtbar oder unsichtbar. Es können auch Vorurteile gegenüber Ländern sein.
Camille Tété Azankpo: Et quand nous avions des préjugés sur quelqu’un, sur un pays, c’est ça la séparation pour moi, invisible comme visible.
Anna Schäfers: Kokou Azamede haben wir Euch am Anfang schon kurz vorgestellt. Dem Wissenschaftler aus Lomé ist es ebenfalls ein Anliegen, durch die Ausstellung mit Kunst und Fakten beim deutschen Publikum ein Verständnis herzustellen; ein Verständnis für die Funktion der ausgestellten Objekte, aber auch ein tieferes Verständnis für die philosophischen Konzepte hinter den Objekten und der Ausstellung.
Kokou Azamede: D’abord la contribution de l’équipe du Togo, qu’elle soit artistique ou académicienne, est une contribution qui permet de clarifier les fonctions des objets, de clarifier un peu le sens de l’art venu de l’Afrique et de permettre à un public qui va visiter l’exposition de comprendre davantage. Et de comprendre davantage les objets exposés, de comprendre d’avantage les concepts, les idées, les philosophies qui se cachent derrière ces expositions-là.
Anna Schäfers: Lange waren die Gegenstände in ethnologischen Sammlungen und Ausstellungen nämlich mit rassistischen Vorurteilen behaftet und wurden als primitiv oder exotisch dargestellt.
Kokou Azamede: Parce que pendant longtemps, malheureusement ces objets sont entachés de préjugés et ces objets suscitent beaucoup de phénomènes sociaux tels que, si vous voulez, le racisme. Ou alors la discrimination ou même des fois même ce qu’on peut dire le sentiment de supériorité en considérant ces objets comme des objets primitifs ou des objet exotiques. Je crois qu’il faut enlever ça de la tête du public qui comprend pas au fond ce que cela veut dire.
Anna Schäfers: Diese Darstellung war darauf angelegt, dass sich das Publikum überlegen fühlt. Die neue Schau jetzt will die Cultural Belongings aus einer anderen Perspektive zeigen, der Perspektive der Herkunftsgesellschaft.
Kokou Azamede: Donc l’objectif de l’exposition c’est de présenter les objets sous une autre perspective ou alors de la perspective des communautés d’origine pour que le public comprenne davantage ce que ça veut dire.
Anna Schäfers: Werden dadurch neue, gegenseitige Verbindungen zwischen den Menschen in Deutschland und Togo geknüpft?
Kokou Azamede: Donc moi, je tisse de nouveaux liens avec le public allemand. Mais le public allemand ne tisse pas de nouveaux liens avec ma communauté, c’est ça la question. C’est toujours ça mon problème, c’est que ça se passe toujours de manière unilatérale, même si c’est collaboratif, mais ça n’embrasse pas toujours les deux côtés de manière efficace.
Anna Schäfers: Selbst wenn ein Ausstellungsprojekt kollaborativ ist, richtet es sich nicht gleichermaßen an beide Seiten mit der gleichen Wirksamkeit. So bleibt eine Gemeinschaft im Halbwissen, und eine versucht, sich zu informieren und sich zu entwickeln. Sie kann das aber nicht ohne die Zuarbeit der ersten Gemeinschaft.
Kokou Azamede: Cela fait qu’il y a une communauté qui reste toujours dans la semi-ignorance et une communauté qui s’informe et qui cherche à avancer, mais ne peut pas avancer sans l’apport de l’autre communauté.
Katharina Erben: Kokou fragt sich, ob man die Ausstellung nicht auch in Togo zeigen könnte oder eine zweite Ausstellung für ein togoisches Publikum machen könnte. Vielen Menschen in Togo sei überhaupt nicht klar, dass es Sammlungen von Cultural Belongings in Deutschland gibt. Die Kolonialzeit wurde lange als politischer und wirtschaftlicher Akt verstanden. Erst langsam wird klar, dass auch togoische Kulturgüter aus Togo geraubt wurden.
Kokou Azamede: Pendant longtemps il faut reconnaître que la colonisation allemande a été comprise comme un acte politique et économique. Très peu on peut comprendre qu’il y a eu un phénomène de pillage systématique des biens culturels des Togolais. Ils savent que des objets ont été emportés, mais très peu ont l’idée de ce que ces objets datés d’il y a cent ans se retrouvent quelque part dans un musée.
Katharina Erben: Kokou hält es für wichtig, dass die Togoer*innen Dinge vor Ort sehen. So könnten sie sich ihre eigene Geschichte, ihre Kultur und Identität wieder aneignen.
Kokou Azamede: Donc ces objets permettraient aussi à nos communautés, si jamais on pourrait une fois transférer cette exposition dans un espace togolais, ça permettrait aux communautés de s’approprier leur histoire, de s’approprier leurs cultures et de s’approprier leur identité.
Katharina Erben: Eine solche Ausstellung in einem afrikanischen Rahmen zu zeigen, erlaubt es, neue Fragen zu stellen und Debatten anzustoßen.
Kokou Azamede: C’est pour ça que je rajoute qu’une telle exposition mérite aussi d’être fait, d’être transposé dans le milieu africain pour qu’on comprenne mieux ce qui se passe, l’histoire, et pour qu’on puisse maintenant poser le débat sur la question, faut-il les rendre, ne faut-ils pas les rendre? Pourquoi les rendre? Pourquoi ne pas les rendre? Et comment les rendre et comment ne pas le rendre? Vous voyez?
Katharina Erben: Fragen wie: Zurückgeben ja oder nein, warum, warum nicht, wie und in welcher Form zurückgeben? Die togoische Regierung hat angekündigt, eine Kommission einzusetzen, die sich mit eben solchen Fragen befassen soll.
Anna Schäfers: Verena sieht das ebenso wie Kokou. Sie würde sich auch eine langfristige, räumlich enge Zusammenarbeit gerade in den organisatorischen Teilen der kuratorischen Arbeit wünschen – damit auch die kleinen, täglichen Entscheidungen gemeinsam getroffen werden können.
Verena Rodatus: Je crois pour une nouvelle exposition, je ferai en sorte que un chercheur ou un artiste ou une femme d’un pays respectif travaillait sous contrat pour une année avec moi sur place. C’est-à-dire, je trouve que les vrais défis sont structurels. Nous sommes de notre côté, les autres sont de leur côté. Et je crois qu’on ne peut pas travailler vraiment d’une manière curaturielle ensemble si les personnes ne sont pas sur place parce qu’une exposition est beaucoup beaucoup beaucoup de petites décisions qu’on fait tous les jours.
Anna Schäfers: Eine solch enge Zusammenarbeit oder eine zweite Ausstellung in Togo würde aber einen völlig anderen finanziellen Rahmen erfordern, als er derzeit existiert. Dabei beschäftigt das Thema der Reziprozität, dass alle Teilhabe auf Gegenseitigkeit beruht, zu Recht alle Museumskurator*innen.
Verena Rodatus: J’aimerais souligner ce que Koko a dit et en même temps, j’aimerai aussi brièvement parler des problèmes aussi du financement. Le thème de la réciprocité, c’est un thème récurrent parmi les curateurs*curatrices du musée et malheureusement, ce n’est pas toujours facile de trouver des moyens pour faire des expositions à l’extérieur.
Anna Schäfers: Verena war durchaus in Kontakt mit den zuständigen Ministerien in Togo und Deutschland. Gespräche gibt es da häufiger vom Museum aus – Kooperationen gibt es ja nicht nur mit Togo, sondern auch zum Beispiel mit Tansania oder Kamerun. Dafür braucht es mehr Mittel.
Verena Rodatus: Il est vrai que j’ai abordé aussi le ministre au Togo, il a été ouvert, aussi nos politiciens sont ouverts, mais je crois que c’est un défi, pas seulement pour le Togo. Il y a la Tanzanie, il y a le Cameroun, etc., il y à d’autres pays qui attendent aussi le retour par rapport à la collaboration. Et j’aimerais aussi faire un appel à nos politiciens de nous donner ce support, cet appui, pour pouvoir faire des expositions dans des pays respectifs. Je crois que c’est très important comme Kokou le dit.
Anna Schäfers: Die neue Direktorin Henrietta Lidchi, Ihr kennt sie aus der letzten Folge, hat angeregt, ein „working book“ zu erstellen: eine Auflistung aller Informationen zu den Cultural Belongings aus Togo in den Datenbanken des Museums, wie sie auch in einer Medienstation in der Ausstellung zu sehen sein werden.
Kokou Azamede: On peut d’abord faire un catalogue de l’exposition, qu’on peut partager dans les communautés, mais ça demeure toujours un catalogue.
Katharina Erben: Kokou hält das für eine gute Idee, aber hat Vorbehalte. Eine solcher Katalog ist ein guter erster Schritt. Eine Ausstellung wäre aber doch besser, weil es so zu mehr direkter Interaktion zwischen Menschen und Cultural Belongings käme.
Kokou Azamede: C’est très bien, mais l’idéal serait quand même que la même exposition se fasse dans les communautés d’origine et vous allez voir que la réception ne sera plus la même. C’est-à-dire l’accueil que les communautés auront de cette exposition sera différent que l’accueil, que le public berlinois, par exemple, aura fait de cet expo. Et c’est à partir de là qu’on peut apprécier véritablement si l’exposition a eu du succès ou n’en a pas eu. Si l’exposition a atteint les deux sociétés ou ne les a pas atteint, si le message est passé ou n’est pas passé.
Katharina Erben: Kokou macht darauf aufmerksam, dass die Ausstellung für die Menschen in Togo und Berlin nicht das gleiche bedeutet. Und mal ganz unabhängig davon, ob eine Ausstellung in Togo zustande kommen kann, muss sich die Öffentlichkeit in beiden Ländern die gleiche Frage stellen: Was machen diese Dinge eigentlich in Berlin?
Kokou Azamede: Et tout ça doit faire réfléchir chaque public, en fait, chaque visiteur pour se poser la question qu’est-ce que ces objets font là?
Anna Schäfers: Es bleibt spannend, auch oder gerade gegen Ende eines kollaborativen Projekts. Die Eröffnung findet am 26. November 2026 im Humboldt Forum statt. Das wars für heute – eine Folge kommt noch. Bis dahin: Hört uns zu, erzählt Euren Lieben von uns und geht ins Museum.
Katharina Erben: Das war „Gegen die Gewohnheit. Der Podcast zu neuen Formen der Zusammenarbeit im Ethnologischen Museum und im Museum für Asiatische Kunst.“ Produziert von speak low im Auftrag der Staatlichen Museen zu Berlin.
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